Erik Eriksen, Jens Jensen, Peder Pedersen?

2007-08-26_181749_100_4329Mayer, Müller, Huber, Hund oder Sau… seit man im Abendland Familiennamen kennt – und das ist schon sehr lange so – können Menschen mit einiger Sicherheit auseinander gehalten werden. Frauen neigen heute manchmal dazu, den Familiennamen ihres Angetrauten nur in einem Doppelnamen zu führen, was das Ich noch unverwechselbarer erscheinen lässt (soll angeblich auch die Eigenpersönlichkeit unterstreichen).

Im Land der Dänen ist das so einfach nicht! Ginge man nach den dort vorrangig bekannten Familiennamen, gewänne man den Verdacht, dass Dänen nur in Inzucht das Licht der Welt erblicken. Gut, Dänemark ist jetzt nicht so weit von Borkum entfernt, wo jeder, der nicht Ackermann heißt und nicht den selben Genpool besitzt ein Dahergelaufener ist, aber die geringe Vielfalt an Familiennamen hat in Dänemark einen anderen Grund: Und welcher wäre das, wenn die familiennahe Fortpflanzung ausscheidet?

Ganz einfach: einst gab es in Dänemark gar keine Nachnamen, was es im Zusammenleben, insbesondere für Behörden, schwierig machte, die vielen Hänse, Nielse, Erikse auseinander zu halten. Und als man – staatlich verordnet – dann doch Familiennamen einführte, mussten diese ja irgendwo her kommen. Man Griff auf ein orientalisches Verfahren zurück. Man könnte sagen, was dem Orientalen sein „Ben“ ist dem Dänen sein „Sen“. Das heißt, der Familienname wurde aus dem Vornamen des Familienoberhaupts gebildet. Im Orient kennt man die Schreibweise (ich nehme mal den einer ganz bekannten Person): „Yehoshua ben Yussuff“ (Jesus Sohn des Joseph), womit klar war, zu welcher Familie der kleine in der Krippe einst gehörte.

So tat man es auch in Dänemark bei der Schöpfung der Familiennamen: Hieß der Vater Erik, hieß die Familie ab sofort “Eriksen” (Nachkomme Eriks). Das galt auch für die weiblichen Familienmitglieder. Merkwürdig war es nur für den Vater: Der hieß dann Erik Eriksen. Deshalb: Man heißt in Dänemark Eriksen, Johannsen, Olsen, Nielsen, wer anders heißt ist Außenseiter…

Im kommunalen Nahbereich waren die neuen Familiennamen durchaus hilfreich. Aber schon im Nachbardorf könnte es wieder einen namentlich identischen Familienverband geben. Man half sich damit, den Wohnort hinzuzufügen, also Erik Nielsen aus Nykøbing, Jorg Knudsen aus Ribe – wobei man in Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, schon wieder an Grenzen stoßen konnte. Dieses Problem löste man, indem man dem Namen einen Titel voraussetzte: Bürochef Petersen, Feuerwehrmann Jensen, Waschfrau Jorgensen und wenn das nicht reicht, nimmt man halt wieder den Vornamen dazu Bürochef Jens Johannsen und Waschfrau Bente Poulsen.

Wem das nicht reicht, der kann sich noch einen Bindestrich dazukaufen (ist nicht teuer) und dann heißt man halt künftig Erik Johannsen-Broby (wenn in grauer Vorzeit mal Vorfahren in dem Dorf Broby lebten). Oder man nimmt, weil man eine geliebte Großmutter diesen schönen Namen trug, deren Vornamen hinzu, also Niels Ellgaard-Petersen – oder einfach Niels Ellgaard. So kann es in Dänemark durchaus passieren, dass Leute gar nicht so heißen wie man sie ruft. Es gibt Nielsens, die heißen gar nicht Nielsen oder umgekehrt: Sie heißen Nielsen, aber keiner weiß es.

Und wenn Sie nun meinen, nur weil Sie Müller, Mayer, Huber heißen, würde man Sie in Dänemark auch so ansprechen, dann irren Sie sich: Nach wie vor spricht man sich in Dänemark generell mit dem Rufnamen und vor allem mit “Du” an. Das Siezen gibt es im Dänischen theoretisch zwar auch, aber dann dürfte die Harmonie zwischen den sich Siezenden reichlich gestört sein.

Kurt O. Wörl

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